Interview in www.1815.ch

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Seit wann sind Sie und Ihre Frau in Ecuador?
Wir sind seit Ende November 2011 hier in Ecuador. Genau genommen sind wir das dritte Mal hier. Das erste Mal im Herbst 2009 besuchten wir Ecuador mit dem Stiftungsratspräsidenten von “Para los Indígenas del Ecuador” um uns einen Ort aussuchen zu können für unsere spätere Tätigkeit als Volontäre.
Der Präsident der Stiftung reist jedes Jahr 2 Mal für ca. 4 Wochen nach Ecuador, um sich vor Ort über den Stand der Projekte informieren zu lassen. Im Herbst 2010 reisten wir wieder mit Padre Arnold nach Ecuador und machten erneut eine Rundreise mit ihm, d.h. Flug in den Urwald mit einer Temperatur von 40 Grad und dann in die Sierra mit einer Temperatur von ca. 12 Grad. Anschliessend versuchten wir in Cuenca im Süden von Ecuador unser Spanisch zu verbessern. An Weihnachten reisten wir dann an unseren ausgewählten Standort in den Bergen, in der Sierra: Simiatug, wo wir bis Mitte Mai arbeiteten.
Wie lange werden Sie bleiben?
Falls nichts Aussergewöhnliches passiert, kehren wir nach knapp einem halben Jahr, wie letztes Mal Mitte Mai, in die Schweiz zurück.
Warum sind Sie nach Ecuador gegangen?
Schon in jungen Jahren wollte ich ins Ausland um ärmeren Menschen zu helfen. Damals liess sich das nicht realisieren, da ich meine Studien grösstenteils selber finanzieren musste, das hiess in den Ferien jeweils arbeiten. Nach dem Studium liess es sich auch nicht einrichten.
Eigentlich ist alles ein wenig Zufall. Seit ungefähr 10 Jahren befasste ich mich eingehender mit einem solchen Vorhaben. Nachdem ich nach einer Spende an die erwähnte Stiftung Einsicht in ihre Abrechnung bekam, sah ich, dass diese jährlich CHF 10’000 – 15’000 für die Webseite ausgaben. Deshalb schlug ich der Stiftung vor, diese kostenlos zu betreuen. Innert zehn Tagen bekam ich Besuch des Präsidenten und so kam der Stein ins Rollen.
Ungefähr seit acht Jahren betreue ich nun die Webseite der Stiftung “Para los Indígenas del Ecuador” (www.ecuadorindios.ch). Ich kannte Ecuador also vor allem aus der Lektüre der Nachrichten (Noticias) dieser Stiftung.
Zudem spricht man in Ecuador spanisch und das schien mir um einiges leichter zu erlernen, als eine afrikanische oder auch östliche Sprache.
Was erhoffen Sie sich vom Aufenthalt?
Mir und auch meiner Frau war schon vorher klar, dass unsere Arbeit in einem ärmeren Land nur ein Tropfen auf einen heissen Stein sein würde. Trotzdem entschlossen wir uns ein solches Abenteuer in unserem Alter noch anzugehen.
Die erste Zeit war recht hart, weil wir uns ja zuerst ein wenig einleben mussten. Zudem war es ein gegenseitiges Abtasten, wofür man geeignet ist und wo man was man einbringen kann. Da wir jedoch beide recht vielseitig sind, war es nicht so schwer, Arbeit für uns zu finden.
Wir sind zufrieden, wenn wir einigen Leuten helfen können, ihr Leben zu verbessern. Vor allem setzen wir uns für die Jugend ein. So haben wir letztes Jahr zusammen mit unserer Familie, vielen Freunden und Bekannten aus dem Oberwallis einen Kindergarten finanziert. Dieser Kindergarten besteht aus Küche, Esszimmer, Aula, Duschen und WC. Duschen wurden vor allem darum integriert, weil praktisch keine Familie eine Dusche hat. So können sich wenigstens die Kinder einmal in der Woche richtig waschen.
Sind Ihre Erwartungen bisher erfüllt worden?
Da wir wussten, dass unsere Arbeit nichts Grosses bewirken kann, dürfen wir eigentlich sagen, dass unsere Erwartungen mehr als erfüllt wurden. Wie erwähnt, haben wir Geld gesammelt, um einen Kindergarten finanzieren zu können – in diesem Fall wurden unsere Erwartungen sogar voll übertroffen. Ursprünglich wollten wir einen Kindergarten mit Kosten von um die CHF 10’000 finanzieren. Da die Spenden aber relativ reichlich flossen, entschieden wir uns, ein etwas grösseres Projekt zu finanzieren (CHF 30-35’000). An dieser Stelle auch ein herzliches “Que dios le page” (Vergelt’s Gott) allen, die uns bei diesem Projekt unterstützt haben.
Was unsere Arbeit betrifft, können wir mit Stolz sagen, dass wir schon recht viel bewirkt haben und dass wir hier sehr willkommen sind und unsere Arbeit sehr geschätzt wird.
Wem sind Sie in Ecuador zuerst begegnet?
Auf den Rundreisen mit dem Präsidenten des Stiftungsrates durch die Projektgebiete lernten wir viele Leute kennen, die sehr offen und hilfsbereit waren. In Quito half uns eine Frau Carmen Ochoa, mit der wir inzwischen sehr gut befreundet sind,  bei der Erledigung des Papierkrieges für den Aufenthalt. Dabei konnten wir auch ein kleines Erlebnis machen, wie man versucht die Korruption im Land zu reduzieren. Alle Gebühren und Taxen müssen bei der Bank einbezahlt werden und man muss mit dem Zahlungsbeleg im jeweiligen Büro erscheinen, so dass der Angestellte kein Bargeld in die Hände bekommt. Was zur Folge hat, dass man mit dem Taxi einen ganzen Tag lang von einem Büro ins andere fährt, um zu seinen Schriften zu kommen.
Wie und wo wohnen Sie?
Wir sind in der Sierra, genauer gesagt in der Provinz Bolívar ganz in der Nähe des höchsten Berges von Ecuador, dem Chimborazo 6310 m ü. M. Im Dorf Simiatug, wo wir wohnen, leben ungefähr 2’000 Einwohner. In der gesamten Gemeinde, die einer Grösse vom Goms und Östlich-Raron zusammen entspricht, leben ca. 20’000 Einwohner. Das Dorf liegt auf 3’200 m über Meer – also etwa auf der Höhe des Wasenhorns. Wir wohnen hier in der “Suite” von einem Hotelgebäude. Die Wohnung besteht aus vier Zimmern, einem Aufenthaltsraum und einer Küche, praktisch ohne Inventar. Davon beanspruchen wir ungefähr die Hälfte – die andere Hälfte wäre günstig zu haben, wenn jemand uns besuchen möchte 😉 .
Wie ist das Wetter momentan?
Man unterscheidet Winter und Sommer. Der Winter ist viel feuchter als der Sommer – dieses Jahr war es speziell feucht und neblig. Seit rund einer Woche aber ist es eher trocken und damit auch etwas wärmer. Leider hat es bei schönem Wetter immer viel Wind – und der bläst stärker als im Wallis, im Sommer, so wird gesagt, orkanartig. Die Temperatur in den Häusern beträgt meist zwischen 12 – 14 Grad, Heizungen gibt es praktisch keine, gekocht wird mit Gas. Diese tiefe Temperatur war am Anfang für uns fast das Schlimmste. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt.
Welche Verkehrsmittel benutzen Sie?
Wir haben uns ein kleines Auto gekauft. Mit dem fahren wir ab und zu ein wenig in der Gegend herum. Manchmal besuchen wir mit den Padres einen Weiler dieser grossen Gemeinde. Am Sonntag fahren wir ab und zu in die Stadt, um grössere Einkäufe zu machen. Auf einer Naturstrasse geht’s zuerst bergauf bis auf 4’100 m ü.M. und auf der anderen Seite wieder hinunter, nur der letzte Teil gegen die Stadt Ambato ist asphaltiert.
Der Ort ist relativ gut mit Bussen erschlossen. Diese haben wir aber noch nicht benutzt – das ist uns zu gefährlich. In der Winterzeit mit den vielen Niederschlägen und dem vielen Schlamm fährt es sich manchmal fast wie auf Schnee, das Gelände ist steil und Leitplanken gibt es keine.
Was unterscheidet die Leute in Ecuador von den Wallisern?
Ich denke sie unterscheiden sich wenig von den Wallisern, vor allem wenn ich so 50 Jahre zurück denke. Viele Bauern in der Gegend lassen sich nicht gerne auf etwas Neues ein. Sie machen fast alles am liebsten so, wie sie es gewohnt sind. Das führt auch dazu, dass sich die Gegend nicht so richtig weiter entwickelt. Sie gehört zu den ärmsten von ganz Ecuador.
Haben Sie und Ihre Frau manchmal Heimweh?
Ich denke wir würden lügen, wenn wir nein sagen würden. Dieses Jahr haben uns beide Töchter für ca. zwei Wochen besucht. Nachher war das Heimweh jeweils am grössten. Die Zeit vergeht aber sehr schnell und Arbeit hat es weiss Gott genug, so dass gar wenig Zeit zum Nachdenken bleibt. Nun sind es ja nur noch ungefähr 2 Monate bis zu unserer Heimkehr.
Was vermissen Sie am meisten aus der Schweiz?
Beim ersten Aufenthalt hat uns unser feines Brot am meisten gefehlt. Inzwischen aber hat meine Frau herausgefunden, wie man das für uns ideale Brot mit dem hiesigen Getreide backen kann.
Dieses Jahr fehlt uns vor allem der Schnee und das Ski fahren, ein gutes Fondue oder mal ein Raclette und natürlich unsere Familie und unsere Freunde – ja es liesse sich noch einiges aufzählen.
Was sollten dir Besucher aus der Schweiz unbedingt mitbringen?
Für mich, ehrlich gesagt höchstens ein Stück Trockenfleisch, sonst finden wir uns gut zurecht.  Leute, die hier für längere Zeit leben möchten, müssten vor allem Geduld mitbringen. Fehlt es hier doch an vielem, mal hat es keinen Strom, mal kein Wasser, mal kein Gas, mal kein Internet und was uns Schweizer am meisten trifft, keine Pünktlichkeit. Abmachungen, Versammlungen usw. können sich um Stunden verzögern, die ecuadorianische Uhr tickt ein wenig anders als unsere.
Welches Essen in Ecuador mögen Sie (nicht)?
Ecuador hat ein sehr reichhaltiges Angebot an Früchten und Getreide. Die einheimischen essen dreimal am Tag Reis und Kartoffel. Kartoffel können zweimal im Jahr geerntet werden und der Reis kommt von der Küste.
Cuyes (Meerschweinchen) ist eine Spezialität – hier das teuerste Fleisch, das nur an speziellen Anlässen gekocht wird – das schmeckt uns beiden sehr gut.
Bei einem Essen mit einer einheimischen Familie gibt es ein süsses Getreidegetränk – das kann ich beim besten Willen nicht trinken …
Wir essen meistens im Pfarrhaus bei den Salesianer-Padres, einer ist aus Italien und der andere aus Spanien. Meine Frau arbeitet vormittags meist im Pfarrhaus und so essen wir auch oft europäisch, was vor allem ich sehr zu schätzen weiss.
Gibt es viele Einkaufsmöglichkeiten in Ihrer Nähe?
Die wichtigsten Sachen kann man im Dorf kaufen, sind aber teurer als in der Stadt, und einmal in der Woche kommen die Marktleute aus der Stadt. Dann kaufen wir tüchtig Früchte und Gemüse ein.
Einmal wöchentlich fahre ich, meist zusammen mit einem Einheimischen, der für ungefähr 15 Arbeiter verantwortlich ist, in die Stadt – Fahrzeit 2 Stunden. Alles, was auf dem Bau benötigt wird, muss in der Stadt eingekauft werden. Oft fahren wir mit dem Lastwagen – dann wird es ein sehr langer Tag, da wir erst abends zwischen 21.00 und 22.00 Uhr zurückkehren.
Ist das Leben in Ecuador gefährlich?
Eigentlich ist es nicht gefährlich, abgesehen vom Strassenverkehr. Überholt wird sehr oft auch in unübersichtlichen Kurven und auf dem Lande fahren viele noch ohne Fahrausweis.
Ansonsten ist es auf dem Lande aber eher ungefährlich. Man darf aber seine Sachen nicht aus den Augen lassen, was umherliegt, wird mitgenommen.
In der Stadt ist vor allem Diebstahl ein Problem – nach einem Fasnachts-Umzug wurde auch ich beraubt. Solange man aber nicht mit Waffen oder sonstwie bedroht wird, ist das nicht so schlimm.
Ecuador sagt man, ist nach Argentinien eigentlich eines der sichersten Länder Südamerikas.
Kommen Sie gerne in die Schweiz zurück?
Ja und nein – ja, weil wir sicher wieder mal gerne die Verwandten und Bekannten treffen möchten. – Nein, weil wir auch hier unsere Freunde haben und man uns jetzt schon drängt,  wieder zurück zu kehren. Viele sind ehrlich froh, dass wir hier sind und dass wir ihnen helfen.
Stichwort Spenden: Was können Sie mir darüber erzählen? Wofür wird gesammelt? Welche Ergebnisse wurden mit Spenden bereits erzielt?
Wie oben schon erwähnt haben wir letztes Jahr für einen Kindergarten gesammelt. Wir hatten viele Spender, von denen man eigentlich einige speziell erwähnen muss. Von einer Schulklasse von Eischoll, die zweimal “Divertimento” aufführten, in Eischoll und in Grengiols, konnten wir ungefähr CHF 10’000 in Empfang nehmen. Ebenfalls einen ansehnlichen Betrag erwirtschaftete die Sekundarschule von Mörel am Weihnachtsmarkt in Mörel – der Suppentag in Binn war auch zu unsern Gunsten – zudem gab es viele grössere und kleinere private Spenden – Muchas Gracias a todos!
Wir sammeln weiter: für eine Bibliothek, für weitere Kindergärten, für den Unterhalt von bestehenden Gebäuden usw.

Spendenkonto: Raiffeisenbank Belalp-Simplon; 3904 Naters
Konto: Ecuavision; IBAN: CH45 8053 2000 0060 7559 4

Verraten Sie unseren Lesern noch etwas über die Biografie von Ihnen und Ihrer Frau (Wohnort im Wallis, ehemaliger Beruf etc.)?
Ich bin Grengjer und wohne in Naters. Nach dem Studium unterrichtete ich 10-12 Jahr an der kaufmännischen Berufsschule in Brig. Nachher war ich  Dozent für Rechnungswesen an der Fachhochschule in Siders. Seit ungefähr 2 Jahren bin ich pensioniert und lebe eine Hälfte des Jahres im Wallis und die andere Hälfte in Ecuador und helfe der Bevölkerung bei ihrer Alltagsarbeit:
Reparaturen und Installationen jeglicher Art, Chauffeur, Einkauf diverser Baumaterialien und Webmaster…..
Vreny kommt aus Niederwald ist aber auch halbe Grengjerin, sie  ist Primarlehrerin und Katechetin und kocht von Herzen gern. Sie unterrichtet in verschiedenen Gemeinden, kocht und putzt im Pfarrhaus und versucht mit Werkstätten die Qualität des Essens zu verbessern, indem sie den Indígenas Frauen zeigt, wie sie mehr Abwechslung in die Küche bringen können.

Hätten Sie eventuell auch ein Foto von sich und Ihrer Frau? Darf ich auch einige Bilder aus Ihrem Blog zur Bebilderung verwenden?
Aus dem Blog dürfen sie alles nehmen  – kein Problem
die bessere Adresse ist: www.ecuavision.ch (wenn’s geht auch veröffentlichen –  danke)

2012-04-02T03:36:41+00:00
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